Plötzlich haben alle ADHS

Plötzlich haben alle ADHS. Oder?

„Plötzlich hat ja jede ADHS.“

„Früher gab es das nicht.“

„Jetzt sind auf einmal alle queer.“

Ich höre solche Sätze immer wieder. Und wenn ich ehrlich bin: Sie lösen in mir zunächst Widerstand aus.

Nicht, weil Menschen Fragen stellen. Fragen sind wichtig. Sie öffnen Räume. Sie schaffen Verständnis. Sie ermöglichen Begegnung.

Was mich beschäftigt, sind eher die Aussagen, die wie Beobachtungen klingen, von vielen Betroffenen jedoch als Vorwurf gehört werden. 

Nicht unbedingt wegen der Worte selbst, sondern wegen dem, was zwischen den Zeilen mitschwingt: weil sie bei vielen Menschen ein altes Gefühl berühren: Nicht richtig zu sein.

Und gleichzeitig frage ich mich, ob wir Sichtbarkeit manchmal mit Neuheit verwechseln.

Menschen mit ADHS gab es schon immer. Viele von ihnen wurden nie diagnostiziert. Sie galten als chaotisch, verträumt, unorganisiert oder einfach als Menschen, die sich mehr anstrengen müssten.

Queere Menschen gab es ebenfalls schon immer. Viele von ihnen haben gelernt, sich anzupassen, sich zu verstecken oder Teile ihrer Identität nicht zu zeigen, weil die gesellschaftlichen Konsequenzen zu groß waren.

Vielleicht sind diese queeren Menschen nicht plötzlich da. Vielleicht sind sie heute einfach sichtbarer, weil sie sich weniger verstecken müssen. 

Und:

Wenn heute mehr Menschen eine Diagnose erhalten oder offener über ihre Identität sprechen, bedeutet es oft,…

…dass Menschen Worte für ihr Erleben finden,

…dass Wissen zugänglicher geworden ist,

…dass manche Menschen sich sicher genug fühlen, sichtbar zu werden.

Und gleichzeitig glaube ich, dass es sich lohnt, auch die andere Seite anzuschauen.

Denn wenn Menschen sagen: „Plötzlich hat jeder ADHS“, steckt dahinter häufig mehr als bloße Ablehnung.

Vielleicht steckt Verunsicherung dahinter.

Vielleicht das Gefühl, dass die Welt komplizierter geworden ist.

Vielleicht die Frage, ob man bisher manches falsch verstanden hat.

Vielleicht auch Widerstand gegen die Vorstellung, dass Verhalten, das man lange bewertet hat, plötzlich anders betrachtet werden soll.

Wenn jemand jahrelang dachte: „Diese Person ist einfach unzuverlässig“, dann fordert eine ADHS-Diagnose dazu auf, genauer hinzusehen.

Nicht, um alles zu entschuldigen.

Aber um manches besser zu verstehen.

Und genau dort entsteht manchmal Spannung.

Denn Verständnis verändert den Blick.

Es macht die Welt weniger einfach.

Es fordert uns auf, vorschnelle Urteile zu hinterfragen.

Das kann unbequem sein.

Vielleicht liegt darin ein Teil der Genervtheit, die ich manchmal wahrnehme.

Denn wenn wir verstehen, müssen wir differenzieren.

Und Differenzierung ist anstrengender als Schubladen.

Gleichzeitig möchte ich etwas anderes ebenso deutlich sagen:

Verstehen bedeutet nicht, dass Ärger verschwinden muss.

Wenn jemand aufgrund von ADHS Schwierigkeiten mit Organisation hat, kann das nachvollziehbar sein.

Und trotzdem darf ich genervt sein, wenn ich warten muss.

Wenn jemand viele Jahre gebraucht hat, um die eigene Identität zu verstehen, verdient das Respekt.

Und gleichzeitig dürfen Menschen Fragen haben oder Zeit brauchen, um neue Perspektiven nachzuvollziehen.

Wir leben oft in der Vorstellung, wir müssten uns entscheiden.

Entweder Verständnis oder Ärger.

Entweder Mitgefühl oder Grenzen.

Entweder Zustimmung oder Ablehnung.

Doch das menschliche Leben ist selten so eindeutig.

Wir können Verständnis haben und gleichzeitig betroffen sein.

Wir können Mitgefühl empfinden und dennoch Grenzen setzen.

Wir können lernen und trotzdem Fragen haben.

Vielleicht brauchen wir gerade mehr die Fähigkeiten, mehreren Wahrheiten gleichzeitig Raum zu geben. 

Dem Leid der Menschen, die lange nicht gesehen wurden. 

Und dem Leid der Menschen, die mit bestimmten Verhaltensweisen leben mussten. 

Ohne daraus einen Wettstreit zu machen, wer mehr gelitten hat. 

Und wir brauchen die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten statt vorschnelle Urteile zu fällen. 

Die Fähigkeit zu verstehen, ohne zu entschuldigen. 

Und betroffen zu sein, ohne zu verurteilen.

Und die Bereitschaft, neugierig zu bleiben.

Denn die spannendste Frage lautet für mich nicht:

„Warum gibt es plötzlich so viele?“

Sondern:

„Warum haben wir sie so lange nicht gesehen?“

Und vielleicht auch:

„Was passiert mit uns, wenn wir anfangen, genauer hinzusehen?“

 

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